Bologna ist schlecht und der Bachelor erfüllt die Anforderungen der Wirtschaft nicht - Eine Gegenrede des Vorsitzenden der Hochschule Bayern e.V.

Kommentar

Bei manchen scheint das Thema einfach auf Wiedervorlage zu liegen: mit bemerkenswerter Routine wiederholt sich die Kritik am ersten Hochschulabschluss, dem „Bachelor“. Jetzt meldet sich der DIHK zu Wort und spricht von Unzufriedenheit, von nicht erfüllten Erwartungen, vom Nachqualifizierungsbedarf und vom fehlenden Praxisbezug der Absolventinnen und Absolventen. Als wäre diese Kritik an der Qualität akademischer Bildung nicht schon hart genug, wird auch noch mit dem Begriff der „Überakademisierung“ die Quantität in Frage gestellt. Es gäbe zu viele Studierende - zu Lasten der beruflichen Bildung. Der BDI, das Institut der deutschen Wirtschaft sowie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung argumentieren dagegen. Zurück bleiben verunsicherte Studieninteressierte und Studierende. Macht es sich der DIHK („Wirtschaft tut sich mit Bachelor-Absolventen immer schwerer“; Berliner Morgenpost vom 23.04.2015) nicht doch etwas zu einfach oder lag da nur eben etwas in der Wiedervorlage? Zu jung, zu unerfahren, nicht praxistauglich und zu viele, die „in der Berufsausbildung besser aufgehoben wären“? Das kann so nicht unwidersprochen stehen bleiben, denn die Fakten sprechen eine ganz andere Sprache.

Die bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) haben es seit der Bologna-Erklärung von 1999 fertig gebracht, ein attraktives, stark nachgefragtes und qualitätsgesichertes Angebot an praxisorientierten Studiengängen aufzulegen. Jedes Studienangebot muss für die Genehmigung durch das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst durch entsprechende Nachweise belegen, dass das Konzept arbeitsmarkttauglich und absehbar berufsbefähigend ist. Diese Bestätigung kommt in aller Regel von den Unternehmen, Verbänden und Kammern selbst. In den Kommissionen, die später bei der Akkreditierung bzw. der wiederkehrenden Reakkreditierung durch externe Agenturen mitwirken, sitzen Vertreter der Berufspraxis. Manche Hochschulen bzw. Fakultäten haben Wirtschaftsbeiräte und ähnliche Beratungsgremien eingerichtet, um kontinuierlich die Berufsbefähigung, die Bedarfsorientierung und den Praxisbezug sicherzustellen. Die Erwartungen der Arbeitgeber, von denen vorher die Rede war, fließen also kontinuierlich, detailliert und fachspezifisch in die Weiterentwicklung von Studienangeboten ein. Erwartungen jedoch, die zuvor keiner formuliert hat, bleiben zugegebenermaßen unberücksichtigt. Auch im Hochschulrat, dem höchsten Gremium einer Hochschule, das die Einführung von Studiengängen beschließt, finden sich Vertreter derjenigen, die später unsere Absolventinnen und Absolventen aufnehmen sollen. Haben alle diese Personen ihre Aufgabe nicht erfüllt? Wohl kaum.

In den Studienplänen der HAW in Bayern finden sich zahlreiche Projektphasen, allgemeinbildende Fächer und das obligatorische praktische Studiensemester. Seinetwegen dauert das Bachelorstudium an den HAW in Bayern auch nicht sechs, sondern sieben Semester. Ein hoher Prozentsatz von Abschlussarbeiten wird entweder in Unternehmen angefertigt oder befasst sich explizit mit konkreten und real existierenden Problemstellungen in Industrie und Wirtschaft. Lehrbeauftragte aus der Berufspraxis ergänzen in großer Zahl das Lehrangebot der Professorinnen und Professoren, die wiederum selbst alle über eine Doppelkarriere innerhalb und außerhalb der Wissenschaft verfügen müssen, bevor sie überhaupt an eine HAW berufen werden können. Schließlich studieren in Bayern unter der Dachmarke hochschule dual  über 6.000 junge Menschen in den dualen Studienvarianten Verbundstudium (Studium + Berufsausbildung) und Studium mit vertiefter Praxis. hochschule dual wird u.a. von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) unterstützt.

Die HAW betreiben intensiv angewandte Forschung und Entwicklung – gerade mit und für mittelständische Unternehmen. Die aktive und direkte Eigenbeteiligung am Innovationsprozess wird nicht nur als qualitätssicherndes Element für die Lehre, sondern auch als Teil eines lebendigen Netzwerks von Unternehmenskontakten gesehen. Nicht selten finden über Forschungskooperationen Studierende und Unternehmen zusammen. Sie sind sich also keineswegs so fremd wie jetzt unterstellt wird.

Ja, viele Absolventinnen und Absolventen sind jetzt jünger als früher. Das hatte die Wirtschaft viele Jahrzehnte gefordert. Sie beginnen auch früher mit ihrem Studium. Ursachen sind u.a. das 12-jährige Abitur und die Aussetzung der Wehrpflicht. Nun fällt ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung nicht mehr in die Schulzeit, sondern ins Studium. Das hat natürlich Konsequenzen. Auf der anderen Seite verfügt eine sehr große Zahl von Studienanfängern an den HAW bereits über eine abgeschlossene Berufsausbildung, außerdem kommen immer mehr sog. „beruflich Qualifizierte“ ohne klassische Hochschulzugangsberechtigung an die Hochschulen. Sie sind in der Regel älter als der frühere Durchschnitt. Dasselbe gilt für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in berufsbegleitend angebotenen Studiengängen. Es ist also erst einmal die Vielfalt, die zunimmt. Was ist daran schlecht für diejenigen, die sich doch ihre neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst aussuchen dürfen?

Es gab viele gute Beweggründe, den Bologna-Prozess zu initiieren. Dass es „eines der Ziele des 1999 eingeführten Bologna-Prozesses war, die Studienzeit zu verkürzen“ - wie es DIE ZEIT schreibt (ZEIT ONLINE vom 23.04.2015) – findet sich in der gemeinsamen Erklärung der europäischen Bildungsminister vom 19. Juni 1999 jedenfalls nicht, übrigens auch nicht der Begriff „Bachelor“. Aus deutscher Sicht war ein ausdrückliches Ziel z.B. die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Hochschulsystems. Zwischenzeitlich ist Deutschland tatsächlich zum weltweit beliebtesten nicht-englischsprachigen Zielland für ausländische Studierende aus aller Welt geworden und liegt insgesamt auf Platz 3. Auch das kann angesichts einer exportorientierten deutschen Wirtschaft und global agierender Unternehmen sowie einer intensiven Demographie-Diskussion doch wohl kein Schaden sein.

Gestufte Abschlüsse wie Bachelor und Master sollten eine Flexibilisierung bzw. eine Individualisierung von Bildungskarrieren ermöglichen und lebenslanges Lernen fördern. Deshalb ist das Angebot deutlich vielfältiger als früher. Lehrorientierung sollte in Lernorientierung umschlagen. Deshalb sind die Dozentinnen und Dozenten aufgefordert, nicht nur darüber nachzudenken, welchen Stoff sie in die Lehrveranstaltung hineinpacken wollen, sondern welches konkret die Lernziele, die geeigneten Vermittlungsmethoden und vor allem die Kompetenzen sind, über die die Studierenden anschließend verfügen sollen.  Jeder Professor bzw. jede Professorin an einer bayerischen HAW hat eine Grundausbildung in Hochschuldidaktik erfahren. Zeugnisdokumente wie das Diploma Supplement, das es früher nicht gegeben hat, haben u.a.  für Personal Suchende Transparenz in die Ziele und Inhalte des absolvierten Studiums von Bewerberinnen und Bewerbern gebracht. Der Bologna-Prozess ist – wie der Name sagt: ein Prozess. Mögen manche Ziele noch nicht erreicht sein, die internationale Vergleichbarkeit z.B., und möge dieser kontinuierliche Entwicklungsprozess tatsächlich nicht abgeschlossen sein, aber warum bitte werden die vielen positiven Errungenschaften von den Kritikern so gerne ausgespart? Wissen Sie es einfach nicht besser?

Jetzt gibt es also plötzlich zu viele Studierende. Jahrelang hat die OECD dieses scheinbare deutsche Strukturdefizit angeprangert. Scheinbar deswegen, weil unsere hervorragende berufliche Bildung in kein internationales Schema gepasst hatte und deswegen in internationalen Vergleichsstatistiken unberücksichtigt blieb. Berufliche und akademische Bildung gegeneinander auszuspielen, ja sie als fundamentale Gegensätze wahrzunehmen, ist ein fataler Fehler. Wir reden längst von Übergängen im Bildungssystem, von deutlich zunehmender Durchlässigkeit bis hin zur gegenseitigen Anerkennung von Prüfungsleistungen und von modularen, individuellen Bildungskarrieren. Deshalb ist es nicht nur falsch im Grundansatz, es ist auch nicht zeitgemäß so zu tun als handele es sich um konkurrierende und nicht um sich hervorragend ergänzende Systeme.

Tätigkeitsprofile ändern sich – im einzelnen Lebenslauf, aber auch in der Arbeitswelt insgesamt. Aufgabe des Bildungssystems mit seinen Bestandteilen ist die Bereitstellung von qualifizierten Personen für Unternehmen und öffentliche Einrichtungen sowie der Erwerb von Bildung für jeden Einzelnen. Es gibt anteilig viel mehr wissensintensive Tätigkeiten als früher und entsprechend muss das Bildungssystem als Ganzes reagieren. Wenn die Kompetenzanforderungen und die Ansprüche andere sind und eben zunehmend akademisch Gebildete fordert, dann ist es unverständlich, wenn man - ausgerechnet von Seiten der Unternehmen - planwirtschaftliches Eingreifen fordert, das das Gegenteil bewirkt.

Gerade die HAW haben den Bachelor zu einem ersten wirklich berufsqualifizierenden Abschluss entwickelt. Von der beschriebenen Unzufriedenheit merken sie nichts. Stattdessen sind sie nachgefragt wie nie zuvor. Die Behauptung, besonders der IT- und Medien-Bereich „täte sich schwer mit dem Bachelor“ (Der Tagesspiegel vom 23.04.2015) überrascht dabei besonders, sind es doch gerade diese Unternehmen, die heute Studierenden der Informatik mit  lukrativen Angeboten den Weggang von der Hochschule nach oder sogar noch vor dem Bachelorabschluss - sagen wir es höflich - leicht machen. Aber auch das ist eine freie, individuelle Entscheidung der Studierenden, genauso wie es die freie Entscheidung der Unternehmen ist, die Bewerber mit dem optimalen Profil auszuwählen und für sich zu gewinnen. An Auswahl, Vielfalt und Qualität mangelt es ja wohl nicht.

 

Prof. Dr. Michael Braun

Präsident der Technischen Hochschule Nürnberg und Vorsitzender der Hochschule Bayern e.V.

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